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Raúl Moreno und Juanjo Gámez sind Ingenieure aus Jaén, die in Málaga wohnen, aber bei Unternehmen in den Niederlanden und in Barcelona angestellt sind. Salvador Salas
Flughafen

Málaga wird zum Tor Europas: Flughafen als Lebensader einer neuen Arbeitswelt

Etwa 12 % der Passagiere sind Nutzer, die sich für die Costa entschieden haben, um hier zu arbeiten und bis zu zwanzig Mal im Jahr aus beruflichen Gründen reisen

PILAR MARTÍNEZ

MÁLAGA.

Samstag, 29. November 2025

Im Terminal 3 des Flughafens Málaga herrscht an diesem Dienstagmorgen reges Treiben. Zwischen Rollkoffern und Cappuccinos sitzen Geschäftsreisende in Videokonferenzen, während andere sich in den Flieger nach Hamburg, London oder Paris begeben. Es ist ein Bild, das vor wenigen Jahren kaum denkbar war: Málaga, längst mehr als nur eine Urlaubsdestination, ist zum Drehkreuz einer europäischen Arbeits- und Lebensweise geworden, in der Grenzen kaum noch eine Rolle spielen.

Wachstum jenseits des Tourismus

Der Direktor des Flughafens, Pedro Bendala, beschreibt diesen Wandel mit nüchternen Zahlen, die eine stille Revolution belegen. «Zwischen elf und zwölf Prozent unserer Passagiere reisen mittlerweile aus beruflichen Gründen», sagt er. «Früher war das ein vernachlässigbarer Anteil – heute ist das ein Schlüsselsegment unseres Wachstums.» Was einst das Reich der Ferienflieger war, ist zum pulsierenden Luftkorridor zwischen Südeuropa und den großen Zentren der Wirtschaft avanciert.

Mehr als vier Fünftel der Reisenden, die hier ankommen oder abfliegen, kommen aus dem Ausland. Und während früher der typische Besucher eine Woche in Marbella oder Torremolinos verbrachte, lebt heute eine neue Generation von Berufstätigen dauerhaft an der Costa del Sol. Sie arbeiten in London, Paris, Amsterdam oder Zürich – aber ihr Lebensmittelpunkt liegt hier, wo das Meer blau schimmert und der Winter milder ist als irgendwo sonst in Europa.

Diese Entwicklung hat spürbare Auswirkungen auf den Flughafen selbst. 2024 erreichte Málaga mit 24,9 Millionen Passagieren einen historischen Rekord. Die Zahl der Starts und Landungen kletterte auf fast 175.000, ein Zuwachs um mehr als acht Prozent. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 wurden bereits 20,7 Millionen Fluggäste gezählt – so viele wie noch nie in derselben Zeitspanne in der 106-jährigen Geschichte der Anlage.

Bendala spricht von einem «neuen Typ Reisender», den er schlicht als «Vielflieger aus beruflichen Gründen» bezeichnet. «Diese Menschen sind keine klassischen Geschäftsreisenden, die ein paar Mal im Jahr unterwegs sind», erklärt er. «Sie fliegen zehn, fünfzehn oder zwanzig Mal pro Jahr. Manche verbringen vier Tage in ihrer Firmenniederlassung und den Rest der Woche hier, andere genau umgekehrt.» Es seien flexible Arbeitsmuster, die durch Homeoffice, hybride Arbeitsmodelle und die Attraktivität der Region ermöglicht werden.

Das Profil dieser Pendler ist international, wohlhabend und oft technisch versiert. Die meisten von ihnen sind in der Digitalwirtschaft tätig – Programmierer, Ingenieure, Berater, Gründer. Sie schätzen den Flughafen als Sprungbrett zu Geschäftsterminen und Konferenzen in ganz Europa. Die entscheidende Chance sei, so Bendala, «die exzellente Konnektivität, die wir heute bieten können. Viele Städte sind zweimal täglich erreichbar, morgens hin, abends zurück.» Dadurch sei Málaga nicht länger nur Urlaubsort, sondern auch europäische Arbeitsbasis für Familien, die das Leben zwischen Strand und Bildschirm organisieren.

Einer von ihnen ist Oliver, ein Strategieberater, der für ein amerikanisches Beratungsunternehmen tätig ist und global tätige Kunden aus der Finanz- und Unternehmenswelt betreut. Er hat vor fünf Monaten Toulouse verlassen, um sich in Torremolinos niederzulassen. «Ich hatte genug von grauen Wintern und Pendeln durch Staus», sagt er. «Hier habe ich Sonne, Meer und die gleiche berufliche Flexibilität wie zuvor.» Seine Eltern sind Niederländer, wohnen aber jetzt in den USA. Geboren wurde Oliver in Venezuela. Rund 40 Flüge wird er in diesem Jahr absolvieren. Viermal pro Woche verbindet Volotea Málaga mit Toulouse – die Tickets sind günstig, die Anreise unkompliziert. Für Oliver war die Entscheidung intuitiv: «Ich kann von überall aus arbeiten. Aber hier fühle ich mich zuhause.»

Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Die Niederländerin Hanneke Kézér pendelt regelmäßig zwischen Málaga und den Niederlanden, wo ihre Firmen TGW Consultancy und Malaga2Taste ansässig sind. «Ich nenne es 'Business in Flip-Flops'», erzählt sie. «Ich berate niederländische Unternehmen in der Hotellerie und entwickle Tourismuskonzepte – und gleichzeitig lebe ich in einer Umgebung, die inspirierend, freundlich und international ist.» Alle drei Wochen fliegt sie nach Amsterdam oder Rotterdam, der Flug dauert zweieinhalb Stunden. Für sie ist Málaga das perfekte Gleichgewicht aus Arbeit und Lebensqualität. «Hier arbeiten bedeutet, kreativ und entspannt zu sein, nicht angespannt und kalt wie im Norden.» Málaga sei eine Stadt, die niemals schlafe und es gebe hier immer mehr internationale Firmen.

Flughafen als Karrierechance

Auch junge Fachkräfte entdecken den Flughafen als Karriere-Tool. Raúl Moreno und Juanjo Gámez, beide Ingenieure aus Andalusien, arbeiten von Málaga aus für Firmen in den Niederlanden und in Barcelona. Moreno ist Cloud-Ingenieur beim niederländischen IT-Unternehmen Intercept. «Ich brauche nichts weiter als eine stabile Internetverbindung», erklärt er. «Zu Meetings fliege ich ein paar Mal im Jahr – das Gehalt liegt deutlich über dem lokalen Niveau.» Sein Freund Juanjo, Telekommunikationsingenieur, entschied sich nach einem Praktikum im Technologiepark von Málaga für eine Remote-Stelle in einer katalanischen Softwarefirma. «Das Gehalt dort war einfach realistischer», sagt er. «Ich will hier leben, aber nicht auf europäische Arbeitsbedingungen verzichten.»

Für viele Unternehmen ist diese neue Generation mobiler Fachkräfte ein Gewinn. Sie bereichert den Arbeitsmarkt, belebt die lokale Wirtschaft und sorgt für Nachfrage außerhalb der klassischen Ferienzeiten. Airlines reagieren mit neuen Verbindungen und Taktverdichtungen. Ryanair etwa hat ihr Angebot ausgebaut, um den zunehmenden Berufsverkehr zwischen Málaga und Großbritannien, Deutschland oder den Niederlanden zu bedienen. «Wir sehen, dass dieser Trend unseren Winterbetrieb stabilisiert», sagt Elena Cabrera, Marketingchefin für Spanien und Portugal. «Es geht nicht mehr nur um Tourismus, sondern um Menschen, die in Málaga leben und europaweit arbeiten.»

Auch Netzwerk-Carrier wie United Airlines spüren die Veränderungen. «Die Nachfrage in der Business Class hat zugenommen», berichtet Verkaufsleiter Antonio de Toro. «Das zeigt, dass Málaga längst mehr ist als eine Ferienregion – sie ist Teil des internationalen Wirtschaftsraums geworden.»

Statistisch belegt wird diese Entwicklung durch die beeindruckenden Verbindungszahlen. In der Hochsaison ist Málaga der viertgrößte Flughafen Spaniens nach Madrid, Barcelona und Palma. 62 Airlines steuern 157 Ziele an. Diese Zahlen werden nur noch von Madrid und Barcelona übertroffen, von wo man an 218 Ziele gelangt, und von Palma de Mallorca, von wo 194 Städte ohne Zwischenstopp angeflogen werden. Mit mehr als 16,3 Millionen Sitzplätzen allein Richtung Europa deckt Málaga ein riesiges Segment ab – von London über Manchester bis Stockholm. Besonders stark ist der Verkehr mit Großbritannien: 905 wöchentliche Flüge, davon 56 täglich nach London. Paris folgt mit 148, Brüssel mit 114 wöchentlichen Verbindungen.

Die wirtschaftliche Bedeutung dieser Infrastruktur kann kaum überschätzt werden. «Das Flughafenwachstum hat positive Rückkopplungseffekte auf die Region», erklärt Bendala. «Es schafft Arbeitsplätze, fördert Innovation und zieht Fachkräfte an, die hier Geld ausgeben und investieren.» Viele Neuansiedlungen im Technologiesektor, etwa in Málagas TechPark, werden erst durch die hervorragende Erreichbarkeit begünstigt.

Magnet für digitale Arbeitskultur

Einer, der davon profitiert, ist der Softwareentwickler José Mascaró. Der 33-jährige Granadiner arbeitet für ein französisch-spanisches IT-Unternehmen und pendelt mehrmals im Jahr nach Paris oder Barcelona. «Ich habe vier Jahre in Dublin gearbeitet, aber die Lebensqualität war dort kaum zu vergleichen», sagt er. «In Málaga kann ich mich beruflich entwickeln und trotzdem draußen frühstücken.»

Diese Geschichten zeigen, dass die Costa del Sol einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Sie ist nicht mehr nur ein Synonym für Urlaub, Sonne und Golfplätze, sondern ein Magnet für mobiles Arbeiten und internationale Karrieren geworden. Der Flughafen ist dabei Schaltzentrale und Symbol zugleich – ein Ort, an dem sich das Lebensgefühl einer neuen Generation spiegelt: global, flexibel und digital.

Bendala bringt es auf den Punkt: «Früher kamen die Menschen hierher, um Abstand von der Arbeit zu gewinnen. Heute kommen sie, um besser arbeiten zu können.» Málaga, sagt er, habe verstanden, dass Mobilität und Lebensqualität keine Gegensätze sind. Sie sind die beiden Flügel eines neuen europäischen Lebensstils – und auf ihnen hebt die Stadt längst ab.

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