Borrar
Lina im Madrider Stadtteil Carabanchel. ESTHER VÁZQUEZ
Armut

Überalll in Spanien: die unsichtbare Armut, die uns umgibt

Bedroht. Mehr als 12 Millionen Menschen in Spanien, wie Lina oder Marlen, wirken nicht arm, können aber weder ihre Wohnungen heizen noch Grundnahrungsmittel kaufen oder mit ihren Kindern in den Zoo gehen

Dománico Chiappe

Madrid

Sonntag, 30. November 2025

Fragen Sie doch einmal Ihre Freunde, ob sie alle über genügend finanzielle Reserven verfügen, um eine unvorhergesehene Ausgabe spontan zu bewältigen. Zum Beispiel, wenn ein Haushaltsgerät kaputtgeht, die Brille eines Kindes zerbricht oder sie zu einer Hochzeit eingeladen werden. Fragen Sie auch, ob sie ihre Wohnungen im Winter immer auf angenehme 22 Grad heizen. Beobachten Sie Ihre Verwandten und fragen Sie sie, ob sie ihre Kreditkarte benutzen, um die Stromrechnung zu bezahlen, oder ob sie auf mindestens eine Woche Urlaub verzichtet haben. Wenn es nicht zu indiskret ist, fragen Sie auch, wie oft sie Fleisch oder Fisch essen und ob sie mehr als zwei Tage ohne auskommen. Anders gefragt: Kommen sie kaum über die Runden und haben sie keine fünfzig Euro, um ein Paar Schuhe zu kaufen und die alten zu ersetzen, die nicht mehr zu retten sind? Oder haben sie keine hundert Euro, um ihren Anteil an der Rechnung in einem Restaurant bei einem Familienessen zu bezahlen? Diese Menschen sind nach europäischen Maßstäben von Armut bedroht. Laut offiziellen Angaben gibt es in Spanien 12,4 Millionen von ihnen.

Die Armut, die uns umgibt, zeigt sich nicht nur in den gängigen Klischees von Obdachlosen, die in der Schlange vor der Suppenküche stehen oder sich aus Abfällen Kleidung machen. Jeder vierte Mensch ist von sozialer Ausgrenzung bedroht. Davon betroffen sind auch Menschen mit Vollzeitstelle, die nur ein Gehalt nach Hause bringen. Bis vor kurzem war das in Mittelklassehaushalten vollkommen ausreichend. Doch das ist jetzt nicht mehr der Fall. Manche Familien können ihren Kindern nicht einmal eine kurze Reise ins Umland ermöglichen. Sie waschen ihre Wäsche von Hand, wenn die Waschmaschine kaputtgeht, und tauschen Kleidung in Nachbarschaftsvereinen. So wie Lina.

Die 31-jährige Lina hat drei Kinder und arbeitet Vollzeit in einem Supermarkt. Ihr Mann, ein Bauarbeiter, ist arbeitslos und wartet darauf, dass die Branche nach dem Sommer wieder anläuft. Bis sie dank eines Programms des Roten Kreuzes als Kassiererin bei Dia anfing, hatte sie verschiedene Saisonjobs. Sie putzte Häuser und machte Maniküren. Jetzt ist sie die Ernährerin der Familie, während ihr Mann sich um die Kinder kümmert.

«Wir gehen nicht hungrig ins Bett», versichert Lina, deren Kinder 14, 11 und 5 Jahre alt sind, wobei das jüngste eine Behinderung hat. «Bei unvorhergesehenen Ereignissen ist es jedoch schwierig. Ich kann auch nicht einfach sagen: Lasst uns ein schönes Wochenende machen, denn dafür reicht mein Gehalt nicht aus.»

70 Prozent von Linas Einkommen gehen für Miete, Strom, Wasser und Gas drauf. Der Arope-Index, der entwickelt wurde, um alle EU-Staaten zu vergleichen, berücksichtigt zwar den Besitz eines Autos, aber weder die Miete noch die Hypothek oder die Wohnfläche. «Die Wohnkosten sind ein entscheidender Faktor für das Armutsrisiko», erklärt Ruth Caravantes, Leiterin der Forschungsabteilung beim EAPN-ES (Europäisches Netzwerk gegen Armut). «Wir befinden uns in einer Krise mit sehr hohen Preisen im Verhältnis zu den Durchschnittslöhnen. Die Zahlung von Miete oder Hypothek zusammen mit den Nebenkosten sollte 40 Prozent des Familieneinkommens nicht überschreiten. Außerdem befinden wir uns in einer Inflationsphase, in der die Preise für Lebensmittel und Energie am stärksten steigen.»

Hauptproblem

Fragen Sie ruhig die Menschen in Ihrem Umfeld: Auf wie vielen Quadratmetern lebt Ihr? Welchen Teil Eures Einkommens gebt Ihr für Miete oder Hypothek aus? Für Menschen, die versuchen, nicht in Armut zu geraten und mit ihren Finanzen jonglieren müssen, sind die Wohnkosten entscheidend. Es gibt ganze Familien, die in einem einzigen Zimmer leben.

«Menschen in unsichtbarer Armut, deren prekäre Lage weder zu riechen noch zu sehen ist, leben stigmatisiert – vor allem, wenn sie Kinder haben», sagt Carmela del Moral, Sprecherin von Save the Children. «Das Problem der Armut ist struktureller Natur», erklärt sie und fordert Hilfe und politischen Willen, um sie zu beseitigen – insbesondere bei Kindern. «Kinder in dieser Situation sind von Anfang an benachteiligt.» Es ist ein Teufelskreis. Er führt auch dazu, dass junge Menschen den Zeitpunkt der Familiengründung hinauszögern.

Linas Kinder besuchen eine öffentliche Schule. Der Jüngste erhält eine spezielle Förderung, aber die älteren Kinder können nicht am Schulessen teilnehmen, da sie noch keinen Personalausweis haben, sagt die Mutter. Wenn sie ihren Lohn erhält, ist das ein «glücklicher Tag», aber «nach zwei oder drei Tagen habe ich nichts mehr», gesteht sie. Wozu mehr verdienen? Je bescheidener der Traum, desto näher ist die Person dem Absturz. Lina antwortet: «Um meine Kinder in den Zoo, in den Vergnügungspark oder zu anderen Dingen einladen zu können.»

Verzweiflung und Würde

Wenn Marlen (50) nach Begleichung der laufenden Rechnungen noch Geld übrig hätte, würde sie es in Englischunterricht für ihre elfjährige Tochter investieren. «Ich würde das Geld für ihre Weiterbildung ausgeben, damit sie etwas lernt», sagt sie. Vor einigen Jahren brachte die Scheidung Marlen in eine Situation, in der sie von extremer Armut bedroht war. «Das hat uns finanziell völlig destabilisiert.» Sie versuchte, sich das Leben zu nehmen. «Ich war verzweifelt und fragte mich: Wie soll ich das schaffen, wenn ich keinen festen Job habe? Der Vater meiner Tochter hat uns mit leeren Händen zurückgelassen. Er ist über Nacht verschwunden, und ich habe es nicht kommen sehen. Ich fragte mich: Wie soll ich meine Töchter ernähren? Ich nahm viele Tabletten und wurde mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht.» Ihre Freundinnen unterstützten sie: «Sie gaben mir sogar zu essen. Ich habe es geschafft, einen Job im Gastgewerbe gefunden und Berge von Geschirr gespült.»

Sie war 15 Jahre lang verheiratet. Doch wie Experten erklären, tritt Armut häufig in schwierigen Lebensphasen wie einer Scheidung auf. «Wir schwammen nicht im Überfluss, aber es hat gereicht.» Er habe sich geweigert, Unterhalt für die jüngere Tochter zu zahlen, und ihr einen Haufen Schulden hinterlassen, erzählt Marlen. Sie begann, «jeden Job anzunehmen, den ich finden konnte, schwarz, um meine Töchter zu ernähren». Sie verfiel in eine nicht diagnostizierte Depression, Selbstmordversuche folgten. Nach vier Jahren Behandlung sieht Marlen wieder Licht am Ende des Tunnels.

Zu den Indikatoren für Armut gehört die Unmöglichkeit, zusätzliche Ausgaben wie die Kosten für einen Psychologen zu tragen. Marlen und ihre Familie erhalten daher Unterstützung durch das Programm CaixaProinfancia der Stiftung La Caixa in Zusammenarbeit mit Save the Children. «Meine Tochter war wie abwesend, und jetzt lacht sie wieder.» Sara Ayllón Gatnau, Professorin für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Girona und Mitarbeiterin des Sozialobservatoriums der Stiftung La Caixa, erklärt: «Die Armutsgrenze wird im Verhältnis zum Lebensstandard der gesamten Gesellschaft definiert. Wir versuchen herauszufinden, inwieweit sich Menschen ein würdiges Leben in der Gesellschaft, in der sie leben, leisten können.»

Marlen, eine Bolivianerin, die seit zwei Jahrzehnten in Spanien lebt, wohnt in Valencia. Von ihrem Gehalt zahlt sie zuerst die Hypothek: «Sie macht mehr als die Hälfte meines Einkommens aus, aber für mich ist das heilig, ich muss die Wohnung um meiner Töchter willen behalten», versichert sie. «Dann kommen Wasser, Strom, Lebensmittel und Kleidung für meine jüngste Tochter, die gerade wächst.» Sie arbeitet in täglichen Acht-Stunden-Schichten und geht nebenbei noch putzen.

Aber warum gibt es so viel Armut in Spanien, einem der reichsten Länder der Welt? «Wir haben uns nicht entschlossen genug für ihre Beseitigung eingesetzt», antwortet Ayllón Gatnau. «Die Art von Politik und die wirtschaftlichen Maßnahmen, die im Kampf gegen die Armut wirksam sind, wurden untersucht und sind bekannt, aber es fehlt der politische Wille und der der gesamten Gesellschaft, um ausreichend wichtige Veränderungen vorzunehmen.»

Viele Familien haben nur das Nötigste zum Überleben. «Wir kommen gerade so über die Runden; manchmal können wir die Stromrechnung nicht rechtzeitig bezahlen und sie drehen uns den Strom ab», sagt Marlen. Sie hat Valencia mit ihren Töchtern noch nie verlassen, nicht einmal für ein paar Tage Urlaub.

Publicidad

Esta funcionalidad es exclusiva para registrados.

Reporta un error en esta noticia

* Campos obligatorios

surdeutsch Überalll in Spanien: die unsichtbare Armut, die uns umgibt

Überalll in Spanien: die unsichtbare Armut, die uns umgibt